EDFVR Bastie Griese MMC

Bastie Griese, Geschäftsführer der MMC Film Company in Köln, über die Chancen von VR im Filmgewerbe.

Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit VR?
Bastie Griese: Ich habe immer wieder mal so eine Brille auf und bin jedes Mal tief beeindruckt. Privat besitze ich allerdings noch keine Brille. Zuhause setze ich mich mit Technik generell kaum auseinander. Ich habe einen Fernseher, sonst nichts. Nicht mal Internet.

Wie erinnern Sie sich an Ihr erstes VR-Erlebnis?
Mit einem Wort: krass. Ein Freund hat mir die Brille aufgesetzt und empfahl mir, mich zu setzen: „Es kann zu Unfällen kommen.“ Ich habe geschrien, mit den Armen gerudert, vor Schreck gezuckt. Gut, dass ich saß. Ein Riesenerlebnis, in dieser Form einzigartig.

EDFVR Bastie Griese MMCWelche Chancen bietet VR für Ihr Unternehmen?
Jede Menge. Ich denke da zum Beispiel an Stargate Studios, eine VFX-Company, die bei uns auf dem Gelände ist. Oder an die vielen phantastischen Kulissen, die hier gebaut werden. Zuletzt zum Beispiel das Anne-Frank-Haus, das hätte man großartiges 360-Grad-Material drehen können. Aktuell haben wir auf 150 Metern Länge den Gotthard-Tunnel nachgebaut. Wir produzieren einen TV-Zweiteiler über den Tunnelbau 1873, damals eine der größten Baustellen der Neuzeit. Das wäre ein Traum, sich mit Hilfe von VR in so einer historischen Realität bewegen zu können.

Ist VR für Sie in erster Linie Zugabe in Form von Internet-Add-Ons zu Spielfilmen oder Goodies auf DVD? Oder hat VR tatsächlich abendfüllendes Potenzial?
Es ist ein Traum von mir, einen Spielfilm in 360 Grad zu produzieren. Gerade historische Stoffe bieten sich dafür an.

Sie sind ja schon ein paar Jahre dabei und wissen, dass immer wieder eine neue Sau durchs Dorf gejagt werden muss: Früher Dolby Sourround, zuletzt 3D und jetzt … Welche Erwartungen haben Sie an 3D?

„VR bedeutet einen echten Mehrwert für den Film“

Wirklich hautnah habe ich nur diesen – in Anführungsstrichen – „3D-Boom“ miterlebt. Eine Zeitlang musste alles 3D sind, ob es für das Projekt konkret Sinn gemacht hat oder nicht. Das war überreizt und überzogen, und deshalb auch schnell wieder vorbei.
Daraus kann man lernen. Man muss immer prüfen, ob eine bestimmte Technik für ein Projekt Sinn ergibt. Wenn da eine Welt ist, in die man als Zuschauer eintauchen will, dann will ich das auch produzieren. Dieses unglaublich intensive Erlebnis, von einer Welt völlig umgeben zu sein, das kann 3D nicht bieten. Um im Beispiel Gotthard zu bleiben: Da zwischen hunderten Arbeitern zu sein und einen Wassereinbruch mitzuerleben, mit ihnen aus dem Tunnel zu fliehen, in die Gesichter links und rechts zu sehen – das kann ein prägendes Filmerlebnis sein. Weil es einen echten Mehrwert für den Film bedeutet – nicht nur einen ästhetischen, sondern auch einen inhaltlichen. Der Zuschauer kommt in eine andere Rolle: Er entscheidet, wohin er seine Aufmerksamkeit richtet. Eine große Herausforderung an Geschichtenerzähler und Filmemacher.

EDFVR Bastie Griese MMCWelche Möglichkeiten hat die MMC, so eine Entwicklung zu unterstützen, damit möglichst bald eine VR-Produktion in Deutschland realisiert werden kann?
Tatsächlich diskutieren wir im Management-Team der MMC, ob wir nicht in ein solches Studio einrichten sollten. Einfach, damit man mal was ausprobieren kann. Es geht für uns ja immer auch darum, das Gelände für Produzenten attraktiv zu halten.

Das heißt, da wollen Sie konkret investieren?
Das entscheide ich nicht allein, aber ich würde es unseren Gesellschaftern gerne vorschlagen.

Wenn man Technikzeitschriften liest, dann ist da schon immer von einem „Boom“ die Rede. Tatsächlich steht der Boom wohl bestenfalls noch bevor. Was müsste denn passieren, um den letzten Schub zu geben, damit es richtig losgeht?
Es muss das entscheidende Beispielprojekt her. Im fiktionalen Bereich ein Kurzfilm, gern natürlich auch ein 90-Minüter. Das Referenzprojekt, das „Avatar“-Ding, das fehlt noch. Beim Thema Show könnte das so eine Backstage-Geschichte sein. Ich sehe als Zuschauer einen Tag zum Beispiel durch die Augen von Dieter Bohlen.

Ist VR eine Chance für Europa, sich von Amerika zu emanzipieren?
Definitiv. Aber dann muss jetzt losgelegt werden, nicht irgendwann. Ich will nicht hoffen, dass die in den Writers Rooms bei den HBOs dieser Welt schon längst dran sitzen.

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Das Gespräch führte Sebastian Züger. Fotos von Lena Hedermann.

„Es ist ein Traum von mir, einen Spielfilm in 360 Grad zu produzieren“