EDFVR interactive Ralph Christoph

Ralph Christoph, Programmchef der Interactive Cologne und der c/o pop Convention, über die vielfältigen Potentiale von Virtual Reality. 

Wann hatten Sie zum ersten Mal mit VR zu tun?
Ralph Christoph: Ich bin im Zusammenhang mit der Interactive Cologne immer wieder auf das Thema gestoßen und dabei unter anderem mit Robin Meijerink (Gründer des EDFVR) in Kontakt gekommen. Wir kamen recht schnell zu der Frage, was man machen könne, das einen echten Ehrfahrungsmehrwert fürs Publikum hat. Es war relativ schnell klar, dass wir was mit den Brillen selber machen müssen, aber mit was für einem Content? Über einen Kontakt zur ESA haben wir erfahren, dass der Marsroboter nicht nur Steine eingesammelt, sondern auch gefilmt hat. Die haben also Terratonnen Filmmaterial vom Mars, die gesamte Marsoberfläche in 4K-Qualität und alles Open Source. Daraus ist dann die App „Mars Roller Coaster entstanden. Wir waren die ersten, die sowas hatten – eine Achterbahn mit Original-Marsbildern. Bei der Veranstaltung hat dann Robin was erzählt und eine Vertreter der ESA, dann haben alle die Brille aufgesetzt und sind ein bisschen Achterbahn gefahren. Das war schon relativ gut.

Hatten Sie dieses richtige Aha-Erlebnis, von dem viele berichten, wenn sie über ihr erstes VR-Erlebnis sprechen, selbst auch?
Als Robin mir die vielen Brillen aufgesetzt hat und mir einige Spiele gezeigt hat – das war schon überwältigend. Besonders beeindruckend finde ich alles, was mit Höhe zu tun hat – ich habe nämlich Höhenangst.

Wie ist denn Ihre Prognose? Welche Rolle wird VR in der näheren Zukunft spielen?
Das ist die Frage – was macht VR mit Kunst, was mit Technik, was mit der Wahrnehmung? Oder ist VR nur ein weiteres nettes Spielzeug wie ein Controller oder eine Konsole? Mich persönlich interessiert weniger der Kunstaspekt, ich finde den wissenschaftlichen Aspekt viel spannender, zum Beispiel, was in der Schmerzbehandlung möglich ist. Allerdings dürften Spiele der Weg sein, um die Technik ins öffentliche Bewusstsein zu bekommen. Und ich bin sehr gespannt, wie der nächste Schritt von Google Glass in Verbindung mit VR funktionieren wird.

EDFVR interactive Ralph Christoph

Sie erwarten, dass das zusammenwächst?
Ich bin mir ziemlich sicher. Da wird noch mehr zusammenwachsen, als wir uns im Moment überhaupt vorstellen können. Ich glaube ja auch an implantierte Microchips und dergleichen.

Es ist immer auch die Frage, wie viel Geld da rein geht und wie schnell.

Haben Sie den Eindruck, was bisher SF war, wird nun Realität?
Die Frage ist, von welcher Seite was kommt. Streaming-Dienste kamen ja auch nicht von der Musikindustrie, sondern von Computerunternehmen. Kein Mensch wird sagen können, wieviel VR in einem Jahr in unserem Alltag ist. Es ist immer auch die Frage, wie viel Geld da rein geht und wie schnell. Ob da auch Wirtschaftsgeld reingeht oder ob das auf einem Forschungslevel bleibt.

Was würden Sie sich wünschen?
Ich finde den wissenschaftlichen Ansatz, Stichwort e-health, besonders spannend. Es darf halt keine Luxusvariante für privatversicherte Zauberberg-Patienten werden. Die Frage ist: Schafft es jemand von den vielen Jungs, die gerade sehr innovativ im Bereich VR tätig sind, sich gegen die Riesen wie Google zu behaupten? Oder hast du irgendwann wieder so ein gegeneinander von Formaten und bist dann ganz schnell in so einem Patentdschungel, der Innovation hemmt.

Ihr Geschäft ist ja eher Pop und Popkultur. Welches Potenzial hat VR in diesem Bereich?
Die Marktpotenziale für Entertainment liegen ja auf der Hand. Gerade der Livemusik-Bereich ist noch nicht ausgereizt. Ein Beispiel: Ich verkaufe 50.000 Karten für ein Konzert und kann weitere 50.000 reinlassen über einen VR-Account. Und dann kann man sich Madonna in Wembley live angucken aus 57 Kameraperspektiven. Dafür muss infrastrukturell noch einiges passieren, zum Beispiel zwischen Musikindustrie und Telekommunikationsanbietern. Auch das Broadcasting unter Berücksichtigung aller rechtlichen Aspekte, die ja von Land zu Land auch wieder unterschiedlich sind, das ist nochmal eine ganz andere Herausforderung. Und es braucht ein sehr hohes Qualitätslevel, damit die Leute bereit sind, sich die Hardware dafür zuzulegen. Wenn man sich jetzt die bekannten Beispiele anschaut wie Coldplay und Paul McCartney – das würde so noch keiner kaufen. Ohnehin wird Sport eher der Treiber sein als Musik. Was da an Geld, an Werbepotenzial drinsteckt, das ist ja alles ein Vielfaches größer.

VR bietet ganz andere Optionen als 3D.

Bietet VR darüber hinaus auch die Chance zu neuen visuellen und künstlerischen Formen? Oder ist es letztlich nur eine technische Ergänzung wie zuletzt 3D?
Ich finde 3D ja total schrecklich, ehrlich gesagt. Es gibt soviele Filme, die sehen aus wie Augsburger Puppenkiste, so schlecht sind die gemacht. VR bietet ganz andere Optionen. Nochmal Beispiel Madonna: Da kannst du dir dann dein Bühnenbild selber wählen. Du hast theoretisch alle Optionen, um dein ganz persönliches Erlebnis zu konfigurieren. Das wird einiges verändern, auf jeden Fall.

Auch in Richtung einer neuen Kunstform, einer neuen Eigenständigkeit? So wie die Tonspur nicht nur eine technische, sondern auch eine inhaltliche Erweiterung des Mediums Film war, so könnte es ja vielleicht auch anderen Arten von Storytelling möglich machen, wenn der Film nicht mehr nur frontal in einem Ausschnitt vor dem Betrachter läuft, sondern ihn ganz umgibt.
Neue Kunstformen entstehen bei neuer Technik ja eigentlich immer. Die Frage ist ja eher – wird man richtig Geld in die Hand nehmen und mal sowas wie Avatar in 360 Grad produzieren? Ich glaube, da ist noch eine Ecke hin. Da fehlt ja noch die ganze technische Infrastruktur, es müssen ja genügend Leute so eine Brille zuhause haben. Und ohne eine ausreichende Verbreitung dieser Technik macht so ein riesiges Investment gar keinen Sinn.

Die Brille zwangsindividualisiert dich als Konsument. Das ist vielleicht ein Showstopper.

Ein 360-Grad-Film müsste ja nicht zwingend in einer Brille laufen. Man könnte beispielsweise die Planetarien in Deutschland entsprechend umrüsten, dann wäre VR viel mehr ein Gemeinschaftserlebnis als alleine mit der Brille auf der Couch zuhause.
Das ist ein interessanter Punkt: Die Brille zwangsindividualisiert dich als Konsument. Das ist vielleicht ein Showstopper, wenn es um Konzerte geht, weil zu sowas geht man ja doch ganz gerne mit seinen Freunden hin. Zuhause mit der Brille – naja, bisschen öde vielleicht. Ich warte deshalb eher auf den übernächsten Schritt. Die Alltagstauglichkeit hat für mich auch damit zu tun, dass man so ein Ding aufsetzen kann, ohne dass man sich schämen muss. Ich bin nach wie vor erstaunt, wie einfach das schon ist. Diese Cardboard-Linsen kosten so gut wie nichts. Aber es ist klar: Wir stehen jetzt ungefähr an so einer Stelle wie damals mit dem ersten iMac, der in seiner Orangeheit und Grünheit heute ja auch eher ein „Um Gottes will“ hervorruft. Aber der Weg war ja richtig. Bestimmt lachen wir in zehn Jahren auch peinlich berührt über diese Pappbrillen, wenn die Kinder ankommen und fragen: „Was ist das denn, Papa?“ – „Das war total geil, Sohn!“

Sie sind ja viel in der Welt unterwegs für die Interactive und für die c/o pop. Haben Sie den Eindruck, dass anderswo womöglich schon viel mehr passiert als hier in Deutschland?
Aus China wird auf jeden Fall was kommen. Das ist wie ein Extraplanet. Irgendwann wird Alibaba Amazon vernichten und so wird auch auf der Tech-Ebene einiges kommen. Die bauen ja jetzt schon genauso gute Smartphones wie Apple für ein Zehntel des Preises. Ansonsten wüsste ich nicht, dass es irgendwo einen Hidden Champion gibt, mit dem jetzt noch keiner rechnet.

Hat Deutschland irgendeine Chance, eine Rolle zu spielen?
Die Deutschen sind bei neuer Technik ja eher konservativ. Deutschland war zum Beispiel der letzte große Markt, auf dem Spotify Fuß gefasst hat und bis heute nicht Marktführer ist. Da wird oft an der falschen Stelle geblockt. Das verhindert natürlich auch, dass man hier mal wieder einen Weltmarktführer an den Start bekommt. Ich sehe da momentan keinen  potenziellen global disrupter.

EDFVR interactive Ralph Christoph

Das Gespräch führte Sebastian Züger. Fotos von Lena Hedermann.

„Der Sport wird eher der Treiber für VR sein als die Musik“